Der 24. November 2025 wird Schülern, Lehrkräften, Mitarbeitern und Eltern der Schulen in der Schulmeile Biberachs noch lange im Gedächtnis bleiben. Kurz nach 13 Uhr ertönte an Wieland- und Pestalozzi-Gymnasium die Warndurchsage für eine Gefährdungssituation. Die weibliche Stimme lief über Stunden über die Lautsprecheranlage – für alle das Signal: Es besteht eine Amok-Gefahrenlage.
Alle Personen auf dem Schulgelände mussten sich schnellstmöglich in einen Raum begeben und verbarrikadieren. Ein Szenario des Krisenplans trat ein, von dem alle hofften, es niemals erleben zu müssen. Wenige Minuten später rückte die Polizei mit starken Einsatzkräften an und riegelte das Gelände ab. Krankenwagen standen bereit.
Da größtenteils die Mittagspause noch lief, mussten viele Schüler außerhalb des Geländes Schutz suchen. Andere verschanzten sich in Räumen, schlossen Rollläden und Vorhänge, blockierten Türen mit Tischen. Weil der Nachmittagsunterricht für die meisten Klassen noch nicht begonnen hatte, waren einige Schüler ohne Erwachsene eingeschlossen. Obwohl die Polizei zunächst nur die beiden Gymnasien als Gefahrenzone einstufte, wurden auch die Mali-Gemeinschaftsschule und die Dollinger-Realschule vom Alarm erfasst. Es hätte sein können, dass sich ein Amokläufer in diese Richtung bewegt – zudem flüchteten viele Gymnasiasten dorthin.
Es begannen Stunden des Ausharrens und der Ungewissheit. Die Polizei richtete rasch ein Lagezentrum ein, wenig später auch die Stadt ein Krisenzentrum. Die Kommunikation nach außen läuft in solchen Fällen ausschließlich über die Polizei. Ein glücklicher Zufall war, dass sich Klaus Lamprecht als stellvertretender WG-Schulleiter sowie die Sekretärinnen im Büro befanden und als Ansprechpartner dienen konnten. Leider waren auch diese während des Alarms weitgehend von gesicherten Informationen zur Lage abgeschnitten. Ich selbst war mit Schülern an der Uni Tübingen unterwegs. Die Kommunikation mit verstreuten Schülern und Kollegen in der Stadt und auf dem Gelände war nur sehr eingeschränkt möglich. Durchsagen über die Sprechanlage sind – aus gutem Grund – technisch unterbunden, und Handys sollten eigentlich ausgeschaltet bleiben, damit das Netz stabil bleibt und keine Panik durch Falschinformationen entsteht.
Die Polizei sicherte nach ihrem Eintreffen Raum für Raum und evakuierte schwer bewaffnet die Eingeschlossenen. Bei unseren weitläufigen Schulen dauerte das sehr lange – für viele eine gefühlte Ewigkeit.
Kommunikation 2025
Nach Auslösung des Alarms dauerte es nur wenige Minuten, bis sich die Nachricht einer Gefährdungslage verbreitete. Noch bevor die Polizei sich ein Bild machen konnte, kursierten Meldungen über WhatsApp, Facebook und andere Kanäle. Wie kaum zu vermeiden, verbreiteten sich Informationen und Gerüchte in rasanter Geschwindigkeit. Darunter auch Falschmeldungen über Schüsse, Tote, Verletzte und mehr. Sogar Bilder und Videos machten schnell die Runde. Bei den Eingeschlossenen und insbesondere bei Eltern und Angehörigen führte das zu Beunruhigung, bei manchen sogar zu Panik. Was ist schlimmer, als die eigenen Kinder in einer solchen Lage nicht in Sicherheit zu wissen?
Die Polizei und seriöse Medien wie der SWR und die Schwäbische Zeitung berichteten zeitverzögert und orientiert an offiziellen Angaben und den Eindrücken vor Ort. Später fanden sich Meldungen auch bei Bild, Stern, Focus, Süddeutscher Zeitung und vielen weiteren Portalen. Die Polizei richtete schnellstmöglich Informationstelefone für Eltern ein.
Viele Eltern versuchten dennoch, über die Schulen Informationen zu erhalten – ohne zu wissen, dass die Polizei das Informationsmonopol hat, wir selbst weitgehend von Informationen abgeschnitten waren und die Homepage zum Zeitpunkt des Alarms nicht administriert war. In Zeiten von Krisen-Livetickern für viele ungewohnt. Ein WhatsApp-Kanal steht Schulen aus Datenschutzgründen nicht zur Verfügung.
Ein großer Teil der Kommunikation lief über erreichbare Elternvertreter. Diese versuchten wie die offiziellen Stellen zu beruhigen und baten über die E-Mail-Verteiler der Elternbeiräte darum, Kinder nicht spontan abzuholen – sonst wäre ein Verkehrschaos entstanden. Zudem hätten sich Eltern bei einem tatsächlichen Alarm selbst in Gefahr gebracht, wenn sie ins Schussfeld eines Amokläufers oder der Polizei geraten.
Aufarbeitung
Gegen 16:45 Uhr waren alle Räume geräumt. Es stellte sich heraus, dass zu keinem Zeitpunkt eine tatsächliche Gefährdung bestand: Fehlalarm! Das Gerücht, eine bewaffnete Person sei gesehen worden, stellte sich als falsch heraus. Erste Untersuchungen der Alarmanlage deuten auf einen technischen Defekt hin. Die genaue Analyse war zum Redaktionsschluss noch nicht abgeschlossen.
Viele Beteiligte – auch wir als Schulgemeinschaft des Wieland-Gymnasiums – arbeiten seitdem daran, Schilderungen und Eindrücke zusammenzutragen. Der Amok-Fehlalarm war ein unfreiwilliger Test unseres Krisenplans unter realen Bedingungen.
In den kommenden Wochen werden Polizei, Stadt und Schulleitungen besprechen, wo Abläufe in Prävention, Alarmierung, Kommunikation und Evakuierung verbessert werden müssen. Dazu liegen zahlreiche schriftliche und mündliche Rückmeldungen vor.
Die Zeit danach
Ein Grund dafür, dass Schulen nur Instruktionen, aber keine realen Amok-Übungen durchführen, ist die vermutete Traumatisierung von Schülern. Nach diesem zermürbenden Nachmittag gibt es tatsächlich einige traumatisierte Kinder, Lehrkräfte, Mitarbeiter und Eltern.
Obwohl es freigestellt war, am Dienstag zu Hause zu bleiben, waren fast alle Schüler anwesend. In der ersten Stunde besprachen wir Lehrkräfte, wie wir mit der Situation umgehen: sensibel und zuhörend. Das Reden über das Erlebte half in den folgenden Tagen sehr – in Klassen und vielen privaten Gesprächen. Wir fanden schnell in den Alltag zurück; Unterricht und Routine bieten Ablenkung. Interessanterweise gab es bisher wenig Nachfrage nach individueller Hilfe von Schulsozialarbeit, Schulseelsorge oder schulpsychologischer Beratung. Wir wissen allerdings, dass manche traumatisierenden Erlebnisse erst zeitverzögert verarbeitet werden.
Ein großer Teil der Bewältigung lag und liegt bei den Eltern. Sabine Schnatz und Elke Stämmler organisierten zusammen mit anderen Eltern sehr spontan am Ende der „Amokalarm-Woche“ ein Beisammensein mit Weihnachtsbasteln, Punsch, Lebkuchen und vielen Gesprächen.
Anerkennung für die Betroffenen – Dank den Helfern
Die Betroffenen erlebten eine extreme Stresssituation. Stress und Kontrollverlust werden sehr unterschiedlich verarbeitet. Manche reagierten verunsichert oder wütend, andere blieben erstaunlich ruhig. Bei aller Kritik lief vieles gut. Fast alle Schüler taten, was sie sollten: sich in Sicherheit bringen, durchhalten, Hilfe suchen und finden. Viele Verstreute meldeten sich über verfügbare Kanäle und gaben ihren Standort durch. Auch fast alle Eltern befolgten die Anweisungen der Polizei.
Ältere Schüler halfen jüngeren, Lehrkräfte beruhigten Kinder, Eltern unterstützten andere Eltern. Schulen wie die Dollinger-Realschule, die Gebhard-Müller-Schule, die Mali-Schule, das Landratsamt, Treffpunkte und Geschäfte öffneten ihre Türen, nahmen Geflohene auf und halfen später bei der Abholung. Besonders rührend: Im Biberacher Dehner Garten-Center durften Schüler Häschen streicheln, um sich abzulenken.
Persönliche Gespräche mit Schülern zeigten ein erstaunlich hohes Maß an Reflexion – tief gehende Gedanken eingeschlossen. Erfahrungen anderer Schulen mit Amok-Alarmen zeigen mir, dass auch wir auf einem guten Weg der Verarbeitung sind. Ich bin optimistisch, dass wir aus diesem Montagnachmittag viel lernen können.
Ralph Lange
Foto: Johannes Riedel (SWR)


























