Einen eindrücklichen und bewegenden Einblick in die Geschichte der DDR erhielten die Schülerinnen und Schüler der 12. Klassen bei einer Zeitzeugenlesung an unserer Schule. Der 89-jährige DDR-Zeitzeuge Horst Böttge sein Buch „Drangsaliert und dekoriert“ vor, in dem er die Lebensgeschichte seines Bruders schildert.
An der Veranstaltung nahmen über 60 Schülerinnen und Schüler aus den Basiskursen Geschichte sowie fünf Lehrkräfte teil. Der Musikraum war bis auf den letzten Platz gefüllt; von Beginn an herrschte eine gespannte, konzentrierte und sehr aufmerksame Atmosphäre.
Ein Jugendstreich mit lebenslangen Folgen
Im Zentrum der Lesung stand das Schicksal von Böttges Bruder Richard, der im Alter von nur 16 Jahren nach einem Jugendstreich – der Verunstaltung eines Leninbildes – ins Visier der Staatssicherheit geriet. In der Folge wurde er von einem sowjetischen Militärgericht zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Nach drei Jahren Haft kam er auf Bewährung frei. Horst Böttge betonte gleich zu Beginn, dass es sich bei seinem Buch nicht um einen Roman, sondern um einen Tatsachenbericht handle. Besonders eindrücklich schilderte er die Haftbedingungen seines Bruders: Während der Gefangenschaft durfte dieser nur einmal im Monat einen auf 15 Zeilen begrenzten Brief an seine Eltern schreiben und nur alle drei Monate von einem Elternteil besucht werden. Seinen Bruder Horst sah er über drei Jahre hinweg kein einziges Mal.
Die erste „neue Heimat“ in der Haft war das berüchtigte „Gelbe Elend“ – das Stasi-Gefängnis in Bautzen, heute eine Gedenkstätte. Später folgte die Inhaftierung im „Roten Ochsen“ in Halle. Böttge schilderte einen Haftalltag, der dem eines Schwerverbrechers glich:
Die Zellen waren überfüllt, das Licht wurde nie ausgeschaltet, und der Platz in den Betten war so gering, dass sich die Häftlinge nur gemeinsam umdrehen konnten – „man spürte den Atem des Mithäftlings im Nacken beim Schlafen“. Bei Gefangenenverlegungen wurden die Häftlinge in der sogenannten „Grünen Minna“ oft stundenlang im selben Ort umhergefahren, um gezielt jede Orientierung zu zerstören. Sämtliche Gnadengesuche der Eltern an die DDR-Justiz blieben unbeantwortet.
Trotz dieser Erfahrungen gelang es Böttges Bruder nach seiner Freilassung, sich durch Ausbildung, Disziplin und Fleiß beruflich weiterzuqualifizieren. Schließlich übernahm er sogar eine leitende Position, in der er trotz Materialengpässen, Fehlplanungen und ständiger Beobachtung ein Leben in Würde führte. Auch nach der Haft ließ ihn die Stasi nicht los: Nach Einsicht in seine Akten wurde er noch über 15 Jahre lang beschattet.
Zum Abschluss der Lesung überraschte Horst Böttge sein Publikum mit einer Auswahl von DDR-Witzen, die der Bundesnachrichtendienst einst sammelte, um daraus Rückschlüsse auf die politische Stimmung in der Bevölkerung zu ziehen. Damit zeigte der Zeitzeuge eindrucksvoll, dass er sich trotz der Tragik der Familiengeschichte seinen Humor und seine Menschlichkeit bewahrt hat.
Vermittelt wurde Horst Böttge über eine Schülermutter, der wir für die Kontaktaufnahme herzlich danken. Die Lesung stellte eine wertvolle Ergänzung zum Geschichtsunterricht dar und machte deutlich, wie wichtig persönliche Erinnerungen für das Verständnis von Diktatur, Repression und Freiheit sind.
Text/Bilder: M. Seitz


























