Der Gordische Knoten Blockdiagramme
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Presseinformation - 30. Juni 2009
Am Dienstag, 30. Juni, wurden zwei Skulpturen des Künstlers Till Augustin auf dem Schulhof des Wieland-Gymnasiums in Biberach aufgestellt.
Die beiden Gordischen Knoten markieren den Start einer engen Zusammenarbeit zwischen dem Fachbereich Bildende Kunst des Gymnasiums und der Galerie KNOLL.art in Oberhöfen bei Biberach. Ziel ist ein intensiver Austausch zwischen Schülern, Lehrern und Künstlern über aktuelle Entwicklungen im Bereich zeitgenössischer Kunst. So sollen u.a. in unregelmäßigen Abständen zeitgenössische Künstler eintägig den Unterricht am Wieland-Gymnasium gestalten und den Schülern aus dem Künstleralltag berichten. Auch die Einrichtung eines temporären Ateliers an der Schule sowie Exkursionen in die Ateliers der Künstler sind angedacht.
Die Gordischen Knoten des Nürnbergers Till Augustin bestehen aus einem Gewirr ineinander verschlungener Stahlseile, die zu geometrischen Blöcken geschnitten sind in einer Weise, die jeglicher physikalischer Logik widerspricht und schon aus diesem Grund einen zunächst überaus verblüffenden Eindruck vermitteln.
Der Titel, durchaus passend, spielt auf den antiken Mythos vom sagenhaften phrygischen König Gordios an, dem Vater des goldreichen Midas. Er ersann einen so kunstvoll geflochtenen Knoten und brachte ihn an einem dem Zeus geweihten Wagen an, so dass keiner in der Lage war, diesen zu lösen. Wer ihn dereinst löst, so hieß es, solle Asien beherrschen. Alexander der Große schaffte beides: Mit seinem Schwert durchtrennte er 333 v. Chr. den Knoten und zog mit seinen Heeren bekanntlich bis nach Indien.
Allen Gordischen Knoten von Till Augustin ist ein spezifisches „Gattungsmerkmal“ zu eigen: Der abrupte Übergang in die Leere des sie umgebenden Raumes. Dieser Übergang, der visuell geradezu einlädt zum Weiterdenken der abgeschnittenen Seile, markiert nicht nur die Grenze der Skulptur zum Raum, sondern signalisiert die Setzung des Ausschnitts durch den Künstler. Und hier wird der Gegenpol zum chaotisch anmutenden Inneren der Knoten deutlich: Augustins scharfe Schnitte durch die Stahltrossen muten an, als wären sie mit dem Skalpell gezogen. Er legt nicht nur den Radius seines künstlerischen Eingriffs fest, sondern definiert mit dieser bewussten Offenlegung räumliche Grenzen. Ihre Festlegung scheint das ‚große Wirrwarr“ in eine regelmäßige geometrische Form zu zwingen und damit scheinbar zu bändigen: Erkenntnisdrang und Ordnungssinn streben in der verwirrenden Vielfalt nach Vereinfachung und klarer Struktur. Technisch-wissenschaftliches Denken enthüllt Regeln, legt Funktionsprinzipien offen und vermittelt uns eine Vorstellung vom Aufbau der Welt; sei es in der ersten Meridiankarte der Entdecker oder in den Scheibenwelten der Computertomographie. So gesehen stehen die Knoten Mikroskoppräparaten nicht unähnlich als Sinnbilder für moderne Wissenschaft.
Die Jahrhunderte andauernde Faszination über das „große Rätsel“ der Ordnung im Chaos erfährt durch die neuen technischen Möglichkeiten am Ende des 20. Jahrhunderts einen enormen Schub: Nachweise kleinster atomarer Bauteile und Satellitenbilder fernster Galaxien haben den Horizont des Menschen enorm erweitert. Aber alle Versuche, die Welt in ein Raster, in eine Ordnung zu bringen, führen zu der Erkenntnis neuer Grenzen. Das Chaotische scheint fest mit dem Geordneten verwoben.Interessant ist, dass die exponierteste Avantgardewissenschaft, die Physik der subatomaren Teilchen, stark an diese Grenzen der Ordnung stößt und feststellen muss, dass bereits mit der Festlegung des Ausschnitts – der zu überprüfenden Teilchen – sich die Objektivität des Experiments zu verschieben beginnt. So steht der Ordnungssinn immer in der Gefahr, die Verwirrung auf Kosten der Vielfältigkeit zu klären und sei es mit Gewalt – dem Durchschlagen des gordischen Knotens…
In der ästhetischen Form von Till Augustins Skulpturen ist diese gegenseitige Durchdringung von Komplexität und Einfachheit ein dramatischer Vorgang; die Komplexität wird als Durcheinander von verschiedenen, nicht zugleich wahrnehmbaren Ordnungen uns so als Gleichzeitigkeit von Ruhe und Turbulenz transparent. Die Wahrheit bleibt sich gleich, ohne jemals langweilig oder erschöpft zu sein. Sie erscheint immer wieder überraschend neu.
Inhaltlich passender könnte eine Skulptur für den Schulhof eines Gymnasiums nicht sein. Für die nächsten Monate stehen die Skulpturen nun leihweise auf dem Campus. Sollte sich ein Sponsor finden wäre der Verbleib der beiden Gordischen Knoten in Biberach gesichert.
Kontakte für Rückfragen:
Galerie KNOLL.art
Thomas Knoll
Telefon: 0160-7081795
Wieland-Gymnasium Biberach
Abteilungsleitung Bildende Kunst
Heinz Dress
Telefon: 07351-51-392 (Sekretariat)
- Am 2009-07-01 um 14:58:10 von LIPP geändert.